IG Metall Veranstaltung in Leipzig

30 JAHRE FRIEDLICHE REVOLUTION: Beherzte Blicke nach vorn

15.11.2019 | „Wandel gestalten - selbstbewusst, engagiert, solidarisch“: Ganz im Zeichen dieses Mottos hatte das Projekt „Zukunft Ost“ der IG Metall am 14. November zur Veranstaltung „30 Jahre friedliche Revolution“ in die Alte Nikolaischule in Leipzig eingeladen.

v.l.n.r.: Gundula Lasch, Moderatorin, Wolfgang Lemb, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, Prof. Everhard Holtmann, Forschungsdirektor am Zentrum für Sozialforschung Halle, Lisa Koischwitz, stellvertr. Vertrauenskörperleiterin im VW Werk in Sachsen und Martin Dulig, amtierender sächsischer Wirtschaftsminister - Fotos: IG Metall

Olivier Höbel. Beziksleiter IG Metall Berlin-Brandenburg-Sachsen während seiner Einführung in die Veranstaltung

Festredner Matthias Platzeck, Ministerpräsident a.D. Brandenburg

Am Abend des 14. November in Leipzig: Lichtinstallation am Augustusplatz

Lisa Koischwitz, Vertrauensfrau bei VW in Zwickau und Martin Dulig, Wirtschaftsminister in Sachsen

Das Jubiläum bietet reichlich Anlass für Blicke zurück und vor allem nach vorn. Viele haupt- und ehrenamtliche Metallerinnen und Metaller kamen, nahmen teilweise weite Reisewege auf sich, um sich noch einmal an die aufregende Wendezeit zu erinnern und mit Kolleginnen und Kollegen über die Herausforderungen der Zukunft zu diskutieren. Der Veranstaltungsraum mit Blick auf die geschichtsträchtige Nikolaikirche, vor der sich ab Sommer 1989 jeden Montag mehr Menschen versammelt hatten und mit einem Demonstrationszug von 70.000 Menschen am 9. Oktober die friedliche Revolution unumkehrbar machten, sorgte für den perfekten Rahmen.

In ihrer Begrüßungsrede betonte Astrid Knüttel, Leiterin des Projekts „Zukunft Ost“ beim Vorstand der IG Metall, welche gravierenden Brüche die politische Wende in der DDR mit sich brachte. Mit Blick auf den Anschlag auf die Synagoge in Halle am 9. Oktober dieses Jahres, wies sie daraufhin: „Das der 9. November, nicht nur der Tag des Mauerfalls ist. Er ist auch der Tag der Reichsprogrammnacht vor 81 Jahren. Und er mahnt damit, nie wieder so etwas zuzulassen.“

Große Fähigkeit, Umbrüche zu bewältigen
Olivier Höbel, Bezirksleiter des IG Metalls Bezirkes Berlin-Brandenburg-Sachsen und gebürtiger Westdeutscher, berichtete von seinen Erinnerungen an eine Fahrt mit ostdeutschen Kolleginnen und Kollegen nach Prag in den frühen Neunzigern: „Als wir an der deutschen Botschaft vorbei gingen, standen vielen die Tränen in den Augen - erst da habe ich richtig verstanden, welche Tragweite das Geschehen vom Herbst 1989 für die Menschen in der DDR hatte.“ Und er erinnerte an die Zeit danach, an den mutigen und unermüdlichen Kampf der ostdeutschen Metaller um ihre Arbeitsplätze, ihre Zukunft: „Sie haben ihr Schicksal selbst in die Hand genommen, sich gekümmert und zusammengehalten. Und dort, wo das am besten gelang, haben Betriebe überlebt“, so Höbel. Nach 30 Jahren ununterbrochener sozialer Auseinandersetzungen sei im Osten Deutschlands zwar eine gewisse Transformationsmüdigkeit zu spüren - aber auch die große Fähigkeit, Umbrüche und Veränderungen zu bewältigen. „Und das gibt uns gute Gründe, optimistisch in die Zukunft zu schauen“, schloss Höbel.

Nachbau West beenden, Vorsprung Ost organisieren
Matthias Platzeck, ehemaliger Ministerpräsident von Brandenburg und Vorsitzender der von der Bundesregierung eingesetzten Kommission „30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit“, gehörte zu den Bürgerrechtlern, die den Weg von der DDR in ein vereintes Deutschland aktiv begleiteten und zu gestalten versuchten. „Ich gehörte innerhalb eines Jahres zwei Regierungen und drei Parlamenten an. Das zeigt, mit welchem ungeheuren Tempo sich Deutschland veränderte - und uns teilweise überrollte.“ Er erinnerte daran, dass 80 Prozent der ehemaligen DDR-Werktätigen nach der Wiedervereinigung einen neuen Beruf lernen mussten, eine Entwertung ihrer Fähigkeiten hinnehmen mussten. „Und nun stehen nicht nur die Deutschen wieder vor gravierenden Veränderungen, die Transformation, Digitalisierung, aber vor allem Globalisierung mit sich bringen. Die Handlungsebene des 21. Jahrhunderts kann nur die internationale sein“, betonte Platzeck. Und wo auch immer um Meinungen gerungen werde, sei es fundamental, das kulturvolle Streiten nicht zu verlernen, andere Meinungen zuzulassen und klare Grenzen dort zu ziehen, wo die Würde von Menschen verletzt werde. Das alte Motto „Mehr Demokratie wagen“ sei heute aktueller denn je. Mit Blick nach vorn rief der Politiker auf, den „Vorsprung Ost“ zu organisieren, neue Produktionszweige zu erschließen und so endlich den „Nachbau West“ zu beenden.

Wann kommt endlich die 35?
Wie hoch (oder dick) die Mauern zwischen Ost und West auch nach 30 Jahren Einheit noch sind, zeigte ein Film, den die IG-Metall-Jugend des Bezirks Berlin-Brandenburg-Sachsen erstellt hat. Zentrale Frage: „Warum arbeiten wir im Osten drei Stunden pro Woche mehr und verdienen 700 Euro weniger im Jahr?“ Die 35-Stunden-Woche muss - fast 25 Jahre nach deren Einführung im Westen - nun auch endlich im Osten her, so der Tenor des kurzen Clips, der mit viel Beifall bedacht wurde.

Dicke Bretter gemeinsam bohren
In der anschließenden Podiumsrunde diskutierten Martin Dulig, amtierender sächsischer Wirtschaftsminister und Ostbeauftragter der SPD, Prof. Everhard Holtmann, Forschungsdirektor am Zentrum für Sozialforschung Halle, Lisa Koischwitz, Stellvertretende Vorsitzende des Vertrauenskörpers im VW-Fahrzeugwerk Zwickau und Wolfgang Lemb, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, miteinander und mit dem Publikum.

Lisa Koischwitz, Vertrauensfrau im Volkswagen Werk Zwickau, kann die Transformation konkret beschreiben: Sie berichtete von der Umstellung der Produktion auf Elektro-Fahrzeuge. „Nach der Entscheidung für die 100prozentige Umstellung unseres Werkes auf E-Mobilität, waren meine Kolleginnen und Kollegen anfangs stark verunsichert. Zu diesem Zeitpunkt kannten wir alle den ID.3 - das E-Auto - noch nicht. Und wir wussten nicht, wie sich unsere Arbeitsprozesse verändern würden.“ Nun aber würden die Veränderungen greifbarer. „In diesem Veränderungsprozess ist es unsere Aufgabe als IG Metall im Betrieb, dass jeder Kollege seinen Platz findet.“

Prof. Holtmann erklärte, wie sich die einhergehenden gesellschaftlichen Transformationsprozesse mit sozialen Innovationen begleiten ließen. Auch die aktuell noch verschwindend geringe Anzahl von ostdeutschen Führungskräften werde in den kommenden Jahren deutlich steigen, zitierte er aus einer Studie. Dieser Einschätzung widersprachen mehrere Metaller aus dem Publikum. Matthias Platzeck brachte es auf eine einfache Formel: „Eliten rekrutieren Eliten“.

Wirtschaftsminister Dulig versprach, die anstehenden Transformationsprozesse mit einer konstruktiven Wirtschafts- und Strukturpolitik in Sachsen zu begleiten. Auch die Tarifbindung von derzeit nur 39 Prozent solle wieder verbessert werden. Noch aber ist nicht einmal klar, wie die zukünftige Regierung Sachsens nach dem Wahldesaster vom September aussehen wird; die Koalitionsverhandlungen laufen noch. Transformationsfonds könnte kleinen Betrieben helfenWolfgang Lemb wurde da sehr viel konkreter: „Wir brauchen eine Industriepolitik, die einen verlässlichen Rahmen zur Gestaltung der Energiewende und zum Erreichen der Klimaziele schafft“, forderte er. Mit der Frage der Finanzierung der Transformationskosten werde sich auch das Schicksal der Industrie in Deutschland entscheiden - das ginge nicht mit der schwarzen Null. Lemb schlug vor, „einen Transformationsfonds zu schaffen, der besonders kleinen und mittleren Betrieben die Umstellung ermöglicht und so ihre Existenz sichern hilft.“ In Sachsen sind das 90 Prozent aller Unternehmen.“ Lemb wagte zum Schluss einen beherzten Blick nach vorn: „Wenn wir gemeinsam die Transformation gestalten, Digitalisierung und Klimaschutz als Chance begreifen und dabei unsere Interessen nicht aus den Augen verlieren, bin ich optimistisch.“ Dann, so Lemb, wäre die 35-Stunden-Woche in zehn Jahren auch im Osten längst Realität. Die Hauptaufgabe für Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter bleibe, „dafür zu sorgen, dass es vorwärts geht in eine bessere Zukunft. Mit Solidarität und Gerechtigkeit, statt Hass und Ressentiments.“